Das Ende von Social Media? Ein Kommentar zu einem Interview mit Tyler Brûlé in der Zeit vom 07.01.2010

Tyler Brûlé, Journalist, erlangte durch die Gründung der erfolgreichen und “weltumspannenden” Print-Magazine Wallpaper und Monocle Kultstatus. In einem Interview in der Zeit vom 07. Januar 2010, spricht er über die Entwicklung von sozialen Netzwerken, ihrer Relevanz in der Medienlandschaft und der Zukunft von investigativem Journalismus.

Das Interview

Nach dem immer aufwärtsgerichteten Trend der letzten Jahre im Allgemeinen und des Jahres 2009 im Speziellen, beschreibt Brûlé die Zukunft sozialer Medien eher negativ. Auf der einen Seite beklagt er sich über die Irrelevanz und die Qualität von user-generated content, auf der anderen beschreibt er das absackende Interesse der Öffentlichkeit an sozialen Netzwerken. Laut Brûlé, benutzen Menschen heutzutage Netzwerke wie z.B. Facebook lediglich, um sich ein Bild des Gegenübers in einem bevorstehenden Job-Interview im Voraus zu machen. Des Weiteren prophezeit er den Abklang des Interesses an beliebiger, ungefilterter und kostenfreier Information im Netz und die Rückkehr der Menschen zu solider, seriöser und kostenpflichtiger Berichterstattung. Aus dieser Sichtweise ergeben sich diverse Denkanstösse:

01. Eine Frage der Autorität

Betrachtet man die maßgebende Struktur von Massenmedien des 20. Jahrhunderts, ist die Verteilung der Autorität eindeutig. Institutionen der Kulturindustrie prägen öffentliches Interesse. Als Antwort auf das durch die Veränderung von Kommunikation durch digitale Medien neu entstandene Machtverhältnis, fordert Brûlé ein Zurückkommen zu einer “verlässlichen, der »göttlichen Stimme«”. Damit bezieht er sich auf die Redaktion, die wie keine andere Institution das Verlangen der Gesellschaft zu deuten vermochte. Das dies ein Trugschluss ist, beweist alleine schon die aktive Teilnahme von Menschen an der Produktion von Information und Wissen. Darüber hinaus übernimmt die Öffentlichkeit das Zepter und ist in der Lage zu entscheiden, welche Themen gesellschaftliche Relevanz aufweisen und welche im Sieb hängenbleiben. Als Vertreter der “alten Garde”, spricht er der breiten Gesellschaft die Fähigkeit des Filtern von Information ab. Im Bereich Fernsehen sehnt er sich nach den guten alten Zeiten, in denen Zuschauer das Abendprogramm als gegeben hinnehmen mussten. Ist die zusätzliche Möglichkeit des digitalen Zeitalters im Gegensatz dazu nicht eher ein Segen, kann doch jeder einzelne selber entscheiden wann, wo und welche Formate relevant genug sind, um Wissensdrang und Entertainment zu befriedigen. Ist der Mensch tatsächlich so unfähig die Verantwortung für seinen eigenen Konsum zu übernehmen? Selbstschutz ist rein menschlich! Es verwundert also nicht, dass Vertreter des traditionellen Mediensystems versuchen ihre Hegemonialansprüche vehement zu verteidigen, um sowohl ihr kulturelles als auch monetäres Vermögen zu schützen. Ganz treu nach dem Motto: “Wir wissen viel besser was ihr wollt.” Ein Gedanke, der die Thesen der kritischen Theorie vor mehr als 60 Jahren ins Rollen gebracht hat. Zweifelsfrei ist redaktioneller Journalismus wichtig und muss weiterhin Teil der modernen Medienlandschaft bleiben. Versäumt man jedoch die tatsächlichen Vorteile digitaler Kommunikation, bleibt die Errungenschaft, die sie mit sich brachte, lediglich eine rein technische und verliert ihre weitaus relevantere soziale Komponente.

02. Qualität statt Quantität?

Zweifellos bringt der enorme Anstieg des Informationsflusses im Internet qualitativ fragwürdige Quellen mit sich, in Relation ist damit jedoch auch ein Anstieg von qualitativ hochwertigem Material verbunden. Da zusätzlich Dialoge Monologe ersetzen, ist durch die Entstehung eines Diskurses im Bezug auf ein Thema eine weitaus grössere Sicherstellung von natürlicher Überwachung möglich, somit kann die Öffentlichkeit die Funktion eines Kontrollorgans übernehmen. Im Gegensatz zu herkömmlicher Berichterstattung, hat die Gesellschaft bei digitaler Kommunikation die weitaus größere Möglichkeit, scheinbare Tatsachen, die durch die Medien als gegeben dargestellt werden, in Frage zu stellen. Die von Habermas gepredigte Schaubühne der Öffentlichkeit, erlangt durch das Internet erstmals eine wirklich relevante Position und hat dadurch das Potential Verantwortung zu übernehmen. Ignoriert man die Fähigkeit der Öffentlichkeit hochwertige, relevante und kostenfreie Information zu produzieren, beschränkt man sich als Konsequenz auf das Wissen einer kleinen “professionellen” Instanz, was einen weiteren Rückschritt zur Unmündigkeit des Bürgers zu Folge hätte. Warum auch sollte Information, die ohne wirtschaftliches Interesse veröffentlicht wird, grundsätzlich ein Mangel an Qualität aufweisen. Ein gutes Bespiel gibt das online Magazin ”This Long Century“, das ausschliesslich aus liebhaberischen Beweggründen betrieben wird. Im Gegensatz zu vielen Print-Magazinen in der Kunstsparte, kann es dadurch auf Werbung verzichten, bietet qualitativ hochwertige Beiträge und beschränkt sich aufs Wesentliche. Hier entsteht Information, die durch klassische Berichterstattung aufgrund der institutionellen Struktur von Medienanstalten und nicht aufgrund eines Mangels an gesellschaftlicher Relevanz, wahrscheinlich niemals den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hätte. Im Bereich Fernsehen

03. Journalismus?

Brûlé setzt die durch soziale Medien entstandene Kommunikation in direktem Vergleich zu investigativem Journalismus. Dieser Vergleich ist völlig unangebracht und lässt jeglichen Sinn vermissen. Keines der beiden muss sich durch Exklusivität behaupten und steht in Konkurrenz zum anderen. Weder ersetzt die durch soziale Medien verbreitete Information das Verlangen der Öffentlichkeit nach solider, seriöser und kostenpflichtiger Berichterstattung, noch kann die Berufstätigkeit des Journalisten den menschlichen Drang nach Kommunikation befriedigen. Des Weiteren ignoriert Brûlé das Potential der durch soziale Medien entstandenen Kommunikation, Information die durch traditionelle Medienanstalten verbreiten wird in einen öffentlichen Diskurs mit einzubinden.

04. Social Media haben sich überlebt?

Laut Brûlé ist ein Abklang des öffentlichen Interesses an sozialen Medien aufgrund der Sehnsucht von Menschen nach qualitativer Berichterstattung eindeutig erkennbar. Die Frage, die sich stellt, ist auf welchen Fakten Brûlés Erkenntnis beruht? Soziale Netzwerke haben immer noch einen konstanten Zuwachs an Mitgliedern und die Anzahl an Blogposts, Tweets und Status-Updates steigt stetig. Vor allem Unternehmen erkennen nach und nach die gesellschaftliche Relevanz von digitaler Kommunikation und binden soziale Medien erfolgreich in in ihre Marketingstrategien ein.

Brûlé argumentiert als Vertreter traditioneller Medienanstalten ganz im Sinne dieser, lediglich, um ihre wirtschaftliche Position sichern zu können. Ein Fehler, der in Anbetracht der Musikindustrie durchaus erkennbar wird. Hätten die Verantwortlichen dieser nämlich nicht krampfhaft versucht alteingesessene Machtstrukturen aufrecht zu erhalten, um ihre Möglichkeit in Learjets um die Welt zu Reisen wahrnehmen zu können, sondern Vermarktungsstrukturen frühzeitig neuen Gegebenheiten anzupassen, wäre ein immenser Teil der grossen Krise vermutlich abgewendet worden. Ähnliches wird der Print Branche derzeitig vorausgesagt.

Investigativer, qualitativ hochwertiger und kostenpflichtiger Journalismus ist nach wie vor unabdingbar für die Verbreitung von relevanter Information in offenen Gesellschaften und kann in keiner Weise durch die durch soziale Medien veröffentlichte Information ersetzt werden. Des Weiteren darf die Veröffentlichung von SPAM in sozialen Netzwerken nicht ignoriert werden. Nichts desto trotz, ist der Übergang von Kontrolle zu Einfluss, den soziale Medien ermöglicht haben, sowie deren Bereitstellung von vielfältigen Kommunikationskanälen und deren Relevanz für einen öffentlichen und gesellschaftlichen Diskurs nicht zu unterschätzen.